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9
pages
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German
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2017
Description
Extrait du sujet :
TEXT A
Abschied von Wien
Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud verlässt mit seiner Frau und seiner
Tochter Anna sein Heimatland Österreich.
Am Nachmittag des 4. Juni des Jahres 1938 verließ Professor Dr. Sigmund Freud mit
seiner Familie Wien, die Stadt, in der er fast achtzig Jahre seines Lebens verbracht
5 hatte, um mit dem Orient-Express über Paris in sein Londoner Exil zu fahren. Die
Formalitäten waren erledigt. Sie hatten die Ausreiseerlaubnis bekommen und ein
Großteil des Haushalts, der Möbel und der Antiquitäten wartete in einem Lager auf die
Überführung1 nach England.
Anna hatte das Kommando. Sie hatte alles im Blick und die Dinge in der Hand. Sie
10 hatte die beiden großen Taxis zum Westbahnhof bestellt, sie organisierte die
Gepäckträger, kaufte die Fahrkarten. In ihrer Handtasche hatte sie Pässe, Visa und
sonstige Dokumente und in einem großen Korb schleppte sie einige Stücke kaltes
Selchfleisch und warme Semmelknödel2 mit. Ganz unten im Korb hatte sie auch eine
Flasche Wermuth3 und kleine Gläschen versteckt. Für die ersten Meter nach der
Grenze, hatte sie sich gedacht, ein Schluck4 15 auf die Freiheit. Als die kleine Gruppe,
begleitet von den neugierigen Blicken und den leisen Kommentaren der Leute durch
die Ankunftshalle ging, brach Annas Mutter in Tränen aus. Anna reichte ihr ein
Taschentuch, streichelte ihr über den Kopf und bedeutete ihr jedoch
unmissverständlich, sich zusammenzureißen5 und einfach weiterzugehen. Sie hatte
20 Wien nie so geliebt wie ihre Eltern. Die Ausreise war für sie nicht mehr und nicht
weniger als die erfolgreiche Flucht vor den Nationalsozialisten.
Professor Dr. Sigmund Freud wollte als Letzter einsteigen, doch seine Tochter schob
ihn mit sanfter Gewalt vor sich her, in den Waggon hinein. „Lass mich, ich kann das
alleine!“ sagte er, und das waren seine letzten Worte auf Wiener Boden.
nach: Robert Seethaler, Der Trafikant, 2015
TEXT A
Abschied von Wien
Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud verlässt mit seiner Frau und seiner
Tochter Anna sein Heimatland Österreich.
Am Nachmittag des 4. Juni des Jahres 1938 verließ Professor Dr. Sigmund Freud mit
seiner Familie Wien, die Stadt, in der er fast achtzig Jahre seines Lebens verbracht
5 hatte, um mit dem Orient-Express über Paris in sein Londoner Exil zu fahren. Die
Formalitäten waren erledigt. Sie hatten die Ausreiseerlaubnis bekommen und ein
Großteil des Haushalts, der Möbel und der Antiquitäten wartete in einem Lager auf die
Überführung1 nach England.
Anna hatte das Kommando. Sie hatte alles im Blick und die Dinge in der Hand. Sie
10 hatte die beiden großen Taxis zum Westbahnhof bestellt, sie organisierte die
Gepäckträger, kaufte die Fahrkarten. In ihrer Handtasche hatte sie Pässe, Visa und
sonstige Dokumente und in einem großen Korb schleppte sie einige Stücke kaltes
Selchfleisch und warme Semmelknödel2 mit. Ganz unten im Korb hatte sie auch eine
Flasche Wermuth3 und kleine Gläschen versteckt. Für die ersten Meter nach der
Grenze, hatte sie sich gedacht, ein Schluck4 15 auf die Freiheit. Als die kleine Gruppe,
begleitet von den neugierigen Blicken und den leisen Kommentaren der Leute durch
die Ankunftshalle ging, brach Annas Mutter in Tränen aus. Anna reichte ihr ein
Taschentuch, streichelte ihr über den Kopf und bedeutete ihr jedoch
unmissverständlich, sich zusammenzureißen5 und einfach weiterzugehen. Sie hatte
20 Wien nie so geliebt wie ihre Eltern. Die Ausreise war für sie nicht mehr und nicht
weniger als die erfolgreiche Flucht vor den Nationalsozialisten.
Professor Dr. Sigmund Freud wollte als Letzter einsteigen, doch seine Tochter schob
ihn mit sanfter Gewalt vor sich her, in den Waggon hinein. „Lass mich, ich kann das
alleine!“ sagte er, und das waren seine letzten Worte auf Wiener Boden.
nach: Robert Seethaler, Der Trafikant, 2015
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Publié par
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Publié le
19 juin 2017
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Langue
German